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„The German“ auf Malta

Kora Mette

Wie „Deutsch“ bin ich eigentlich? Innerhalb meines dreiwöchigen Auslandspraktikums auf der mir vorher unbekannten Insel Malta habe ich vor allem einem deutschen Klischee alle Ehre gemacht.

Am 26. Mai landete ich sicher im sonnigen Malta. Ich freute mich, als ich das Schild mit meinem Namen entdeckte und mich der Taxifahrer mit Smalltalk von der Aufregung ablenkte und mich problemlos zu meinem Apartment kutschierte. Gott sei Dank führte ein Fahrstuhl in den dritten Stock – meinen Koffer wollte ich nicht freiwillig die Treppen hochschleppen – wo der mir überreichte Schlüssel ins Loch passte. Ich öffnete die Tür und rief „Hello“, aber erhielt keine Antwort. Ein riesiges Apartment lag unbewohnt vor mir – meine Mitbewohner waren ausgeflogen.

Die Zusammensetzung der Apartments änderte sich durch die unterschiedliche Anreise und Aufenthaltsdauer ständig. Da ich als Einzige nur drei Wochen und der Rest insgesamt drei Monate dort blieb, änderte sich in den drei Wochen nicht allzu viel für mich. Meine Mitbewohner kamen aus Rumänien, Spanien, Italien, Kroatien und Litauen.

Nach einem 15-minütigen Spaziergang durch die Straßen Msidas kam ich in Ta‘ Xbiex an, wo sich meine Arbeitsstätte befand. Somit war das Glück mit mir, schließlich war ich nicht auf die Busse angewiesen, die sich absolut nicht an die Fahrpläne hielten und prinzipiell kamen, wann sie wollten. Schnell wurde klar: man musste mindestens eine Stunde mehr Zeit einplanen, um einigermaßen pünktlich an sein Ziel zu gelangen.

Ich war Praktikantin in einer Firma, die das größte Lifestyle- und das größte Businessmagazin auf Malta veröffentlichen. Neben den Magazinen organisiert ein kleiner Teil des Kollegiums große Events auf der Insel, bei einem durfte ich mit anpacken. Ich habe verschiedene Firmen angerufen, damit diese am Event teilnehmen und durfte einen Text für deren Homepage auf Deutsch übersetzen, was gar nicht so einfach war, wenn niemand weiter Deutsch spricht. Dachte ich zumindest. In der zweiten Woche stellte sich mir ein Kollege vor und fragte, woher ich komme und in Nullkommanichts stand ich einem weiteren Praktikanten aus Deutschland gegenüber: es war seltsam nach Tagen wieder Deutsch zu reden.

 

Undenkbar in Deutschland und Realität auf Malta: am Telefon wird sich nur mit dem Vornamen vorgestellt. Weder Firma noch Nachname werden genannt. Mit einem Schmunzeln schnappte ich Worte über die gestrige Fashion-Show, bei der meine Kollegin Gast war, auf. Sie sei so gestresst, weil das Magazin verkauft werden müsse, hieß es wenige Sekunden davor. Da zeigte sich die andere, aber sehr herzlich und aufgeschlossene Mentalität der Malteser. Ich habe lustige Gespräche mit meiner Kollegin geführt und immer versucht, Maltesisch zu verstehen, was mir leider nicht gelang, mela („you know“).

 

Ab der zweiten Woche lernte ich, mit der Unpünktlichkeit der Busse umzugehen (es war erstaunlich, wie man sich freuen kann, wenn man nur 15 Minuten warten muss!), da ich abends zum Englischkurs nach Mosta fuhr. Die Englischlehrerin war sehr jung und hipp, sie erzählte uns interessante Dinge über Maltas Kultur und zeigte uns in der letzten Englischstunde eine tolle kleine Bar im Herzen Lijas. Der Besitzer der Bar beeindruckte uns mit seinen Zaubertricks: er ließ in seiner Hand Cola verschwinden, was natürlich wieder in der Hand auftauchte und begeisterte uns mit Kartentricks. Doch obwohl wir ganz genau hinsahen konnten wir die Geheimnisse der Zauberkunst nicht entlüften.

 

Dank meiner Englischlehrerin erfuhr ich außerdem, dass die Stadt Mdina als Drehort für die Serie „Game of Thrones“ gedient hatte, weshalb ich mich am zweiten Wochenende ein zweites Mal in diese wunderschöne Stadt begab, die von Mauern umgeben ist. Dort gibt es den besten Kuchen der Insel – das Café „Fontanella“ ist definitiv einen Besuch wert, wenn nicht sogar ein Muss auf Malta!

 

Nicht unweit von Mdina befinden sich die Dingli-Cliffs. Wer Romantik liebt und einen perfekten Abschluss eines Tages braucht, kann sich dort den Sonnenuntergang ansehen. Der Ausblick war – auch wenn ich den Sonnenuntergang nicht sehen konnte – bombastisch. Vor mir erstreckte sich das weite Meer und ich konnte meiner Mitbewohnerin nicht oft genug sagen: „It’s so beautiful!“

 

Ein Reeperbahn-Feeling keimte auf, als wir Paceville besuchten. Die Party-Meile mit vielen Cocktailbars und Clubs überhaupt auf der Insel. Langweilig wurde es definitiv nicht auf Malta!

 

Am Wochenende wurden wir von unseren Italienern mit Lasagne bekocht, haben viel gelacht und uns über die Eigenarten der anderen Nationalitäten unterhalten. Vokabelfetzen wurden ausgetauscht, wenn ich auf „Guten Appetit“ mit „Grazie“ oder bei „Auf Wiedersehen“ mit „Adios“ geantwortet habe. Es machte vor allem riesigen Spaß, viele neue Leute kennenzulernen. So auch an meinem letzten Abend, als wir beschlossen hatten, am Strand zu grillen. Dank meiner Geschichte, dass ich die Unpünktlichkeit der Busse aus Deutschland überhaupt nicht kannte, wurde ich schnell zur typischen „The German“ in meinem Apartment. So wurde ich auch, nachdem meine Mitbewohnerinnen und ich eineinhalb Stunden auf die Italiener gewartet hatten, die somit ihrem Klischee ebenfalls eine Ehre machten, mit „This is the German“ vorgestellt und ja – Malta hat mir wirklich gezeigt, dass mir die deutsche Pünktlichkeit anscheinend schon in die Wiege gelegt wurde. Ich wurde um eine großartige Erfahrung reicher und würde definitiv nochmal nach Malta oder in ein anderes Land reisen, denn sich ausschließlich auf Englisch zu verständigen ist gar nicht so schwer!